Kundgebung für mehr Inklusion

Taubblinde und hörsehbeeinträchtigte Menschen fordern Unterstützung

Am 26. September 2025, dem Europäischen Tag der Sprachen, findet vor dem Parlament in Wien eine wichtige Kundgebung statt.
Ab 15 Uhr versammeln sich Menschen, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation taubblinder und hörsehbeeinträchtigter Personen einsetzen. Menschen, die selbst taubblind oder hörsehbeeinträchtigt sind, ihre Angehörigen, Unterstützerinnen und Unterstützer werden sichtbar machen, was oft unsichtbar bleibt: die Barrieren im Alltag und die Forderung nach besseren Lebensbedingungen.

Warum diese Kundgebung wichtig ist

Taubblinde und hörsehbeeinträchtigte Menschen stoßen in vielen Bereichen des täglichen Lebens auf unsichtbare Hürden. Oft sind diese nicht sofort erkennbar – aber sie beeinflussen stark, wie selbstständig jemand leben kann. Weil sie die Welt anders wahrnehmen, sind andere Wege der Kommunikation und Orientierung notwendig. Andere Wege eröffnen Chancen; zugleich sollte klar sein, dass dies nicht in Machtverhältnisse münden darf, die dem Denkmuster „Ich bin gesund und klug – du bist hilflos und ungebildet“ entsprechen. Entscheidend ist vielmehr, Bedingungen zu schaffen, die beiden Seiten Lösungsorientierung ermöglichen. Vor allem aber ist ein Denken gefragt, das entschleunigt, reflektiert – und das respektvolle Miteinander in den Mittelpunkt stellt.

Die größte Herausforderung ist oft die Kommunikation. Gespräche mit anderen Menschen, telefonieren oder das Verstehen von Lautsprecherdurchsagen sind ohne spezielle oder technische Hilfsmittel nicht möglich. Auch schriftliche Informationen – wie Briefe, Formulare oder Webseiten – sind oft nicht barrierefrei gestaltet. Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Taubblinden kommunizieren sollen und das kann zu sozialer Isolation für Menschen, die Taubblind sind, führen.

Was braucht ein Mensch, der plötzlich auf zwei seiner wichtigsten Sinne verzichten muss?
Wie kann er weiter teilhaben, sich mitteilen, dazugehören?

Viele Menschen denken bei Taubblindheit an eine kleine, abgeschlossene Gruppe. Andere sehen taubblinde Menschen als Teil der vielfältigen Deaf Community. An Menschen, die so auf die Welt gekommen sind. Doch Taubblindheit ist nicht nur angeboren – sie kann sich entwickeln. Langsam, schleichend. Oder plötzlich, nach einem Unfall oder einer Erkrankung.
Oft trifft es Menschen, die mitten im Leben stehen. Oder im Alter. Ohne dass sie je damit gerechnet hätten.

Wer mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen ist, mag den Ruf nach Barrierefreiheit, Assistenz und gesellschaftlichem Verständnis vielleicht als ein soziales Klagelied abtun. Doch es geht hier nicht um Sonderwünsche – es geht um Grundrechte. Es geht um Menschlichkeit. Und machen wir uns nichts vor: Denken wir nicht alle darüber nach, wie erschütternd es ist, wenn die Existenz eines Menschen infrage gestellt wird, nur weil er anders ist? Vielfalt, Geschichte und Kultur sind kein Luxus – sie sind machbar, sie sind lebbar und sie gehen uns alle an.

Barrierefreiheit, passende Assistenz und gesellschaftliches Verständnis sind keine Sonderwünsche – sie sind ein Fundament.
Für mehr Menschlichkeit. Und für eine Gesellschaft, in der niemand ausgeschlossen wird, egal wann und wie sich das Leben verändert.

Wie nehmen taubblinde Menschen ihre Welt wahr?

Ich halte diese Frage für berechtigt. Gleichzeitig muss ich vorausschicken: Jeder Mensch, der taubblind ist, hat eine eigene Ausprägung von Seh- und Hörstatus. Jede und jeder bringt eine einzigartige Geschichte mit. Pauschale Aussagen würden dieser Vielfalt nicht gerecht. Aber in knapper, sachlicher Form lässt sich eine taubblinde Person folgendermaßen beschreiben: Taubblinde oder hörsehbeeinträchtigte Menschen haben gleichzeitig eine Einschränkung des Hörens und Sehens. Manche sind völlig taub und blind, andere haben Reste von Gehör oder Sehvermögen.

Dadurch ist ihre Wahrnehmung stark eingeschränkt – die Welt erreicht sie oft nicht über Auge oder Ohr, sondern über:

Tastsinn

wie zum Beispiel
über Hände und Füße

Vibrationen

wie zum Beispiel
durch Schritte und Berührungen

Geruch und Geschmack

Kommunikation erfolgt oft durch:

Körpersprache oder spezielle technische Hilfsmittel

Taktile Gebärdensprache

Gebärden, die in die Hand gezeichnet oder geführt werden.

Menschen, die nicht hören und nicht sehen können, nutzen ihre Hände, um Gebärden zu fühlen. Dabei legt eine Person ihre Hände auf die Hände der anderen Person. So werden Bewegungen und Gebärden gespürt. Taktiles Gebärden macht Gespräche möglich, gibt Sicherheit und Nähe. Es hilft, Gedanken und Gefühle zu teilen.

Lormen

Ein Tast-Alphabet in die Handfläche.

Lormen ist eine Tastschrift für blinde und taubblinde Menschen. Jede Stelle in der Handfläche hat einen Buchstaben. Durch leichtes Tippen, Streichen oder Drücken werden Wörter gebildet. So können Menschen Buchstaben fühlen und verstehen.

Könnt ihr erraten, was hier gerade in die Handfläche gelormt wird?

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Braille

Braille-Schrift ist eine Tastschrift für blinde und sehbehinderte Menschen. Sie besteht aus Punkten, die mit den Fingern ertastet werden. Jede Kombination von Punkten bedeutet einen Buchstaben, eine Zahl oder ein Zeichen. So können Bücher, Schilder oder sogar Medikamente gelesen werden. Braille gibt Zugang zu Wissen, macht selbstständiger und eröffnet viele Möglichkeiten im Alltag.

Helen Keller

Eine der bekanntesten Persönlichkeiten, die sowohl gehörlos als auch blind war, ist Helen Keller. Ihr Leben und Wirken machten eindrücklich sichtbar, wie bedeutsam Kommunikation für taubblinde Menschen ist. Auch wenn ihre Geschichte schon länger zurückliegt, zeigt sie doch bis heute: Ohne Hören und Sehen bedeutet keineswegs Unfähigkeit – im Gegenteil. Helen Keller war in vielerlei Hinsicht erfolgreich und prägend.

Mehr dazu haben wir in einem eigenen Blogartikel zusammengestellt – den Beitrag findest du hier.

Orientierung – unterwegs mit Unsicherheit

Viele alltägliche Wege, etwa zum Supermarkt, zur Ärztin oder zum Amt, sind für taubblinde Menschen eine große Herausforderung. Verkehrsschilder, Fahrpläne oder Ampeln können weder gesehen noch gehört werden. Ohne Assistenz ist es schwierig, sich sicher zu bewegen – besonders an unbekannten Orten. Selbst einfache Situationen wie das Finden einer Tür oder das Überqueren der Straße werden so zur Hürde.

Zugang zu Informationen – oft ausgeschlossen

Ob Nachrichten, Werbung, digitale Angebote oder amtliche Schreiben: Informationen erreichen taubblinde Menschen häufig nicht. Viele Inhalte sind weder in Braille noch in taktiler oder verständlicher Form verfügbar. Das führt dazu, dass sie im Alltag oft nicht mitreden oder mitentscheiden können – obwohl es eigentlich um ihr Leben geht.

Ob Schule, Ausbildung, Arbeit oder Freizeit: Taubblinde Menschen erleben häufig, dass Teilhabe nur eingeschränkt oder gar nicht möglich ist. Es fehlen geeignete Strukturen, barrierefreie Angebote und – ganz wesentlich – speziell ausgebildete Assistent*innen. Oft scheitert ein aktives Leben nicht am Können der Betroffenen, sondern an fehlender Unterstützung.

Viele Betroffene wünschen sich vor allem zwei Dinge:

  • Bessere Lebensbedingungen
  • Offizielle Anerkennung und Finanzierung
    von Taubblinden-Assistenz in Österreich

Diese Anliegen sollen durch die Kundgebung sichtbar gemacht werden. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Aufzeigen von Lösungen und den Wunsch nach mehr Verständnis und Unterstützung durch die Gesellschaft und die Politik.

Gemeinsam für Barrierefreiheit

Die Veranstaltung wird von der ÖHTB-Beratungsstelle für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen organisiert und von Partnern wie dem Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz sowie Licht ins Dunkel unterstützt.

Die Kundgebung ist offen für alle: Betroffene, Angehörige, Unterstützerinnen und Unterstützer, sowie Interessierte, die mehr über das Leben mit Taubblindheit erfahren möchten.

Fazit

Die Kundgebung am 26. September ist ein starkes Zeichen für Inklusion, Wertschätzung und Gleichberechtigung. Wer ein Zeichen setzen will, sollte dabei sein – vor dem Parlament in Wien, ab 15 Uhr.